Die deutsche Turnerin Sarah Voss (und auch ihre beiden Landsfrauen Elisabeth Seitz und Kim Bui) hat an den Europameisterschaften im Kunstturnen für Aufmerksamkeit gesorgt. Liebe Leserinnen und Leser, mir hat ihr Statement gefallen und es kam im goldrichtigen Moment. Die Sportbekleidung im Frauensport rief in letzter Zeit öfters heftigste Diskussionen hervor. Die junge Turnerin hat mit ihrem gut inszenierten Auftritt mit fest kodierten Traditionen im Turnsport gebrochen - der freizügige, badeanzugähnliche Body wurde von allen Turnerinnen getragen, obschon das Regelbuch ein verhüllender, ganzkörperbedeckender Turndress nicht explizit verbietet. Einzige Auflage ist meines Wissens, dass das Tenue nicht durchsichtig sein darf und elegant sein muss. Im Milieu des Turnens ist die Aktion von Sarah Voss bahnbrechend und revolutionär. Die Kunstturnerin brauchte sich gar nicht erst zu erklären, so symbolisch und trivial war ihr Aufritt im langen Schwarzen. Mit dem vermehrten Aufdecken von Missbrauch an Turnerinnen und der Tatsache, dass der Turnsport via Bekleidung sexualisiert wird, hat sie ein Stigma aufgegriffen und gezeigt, dass Frau bereit ist, sich dagegen zu wehren. Besonders sympathisch ist, dass Voss nicht mit dem Finger auf die Turnerinnen zeigt, welche ihren gewohnten Body tragen möchten und sich darin wohl fühlen. Sie hat schliesslich auch nicht im schlabbrigen Sweat geturnt. Es ist klar, dass in einer Sportart wie Kunstturnen enganliegende Kleidung praktisch ist. Männer tragen übrigens auch enge Bekleidung.

Es gibt durchaus auch in anderen Sportarten Frauen und Männer, die ihren durchtrainierten Körper ikonisieren und als Projektionsfläche zur Eigenwerbung nutzen.

So reissen sich Sprinter nach der Ziellinie ihren Body vom Körper und stellen ihre Bauchmuskeln zur Schau. Athletinnen springen in ultraknappem Tenue über die Hochsprunglatte. Sicherlich hat das mit der Kommerzialisierung des Sportes zu tun. Das Publikum konsumiert die Körper quasi und sehr oft, meist bei Athletinnen, werden Körper und Aussehen von den Medien kommentiert. Dass Sport und Erotik in Zusammenhang gebracht werden ist nicht etwa ein neuzeitliches Phänomen und wurde bereits in der Antike gepflegt. Sportler turnten nackt und wurden auch in der Kunst so dargestellt.

Heute geschieht der Körperkult aber viel perfider und Athletinnen und Athleten sind oft gezwungen, sich diesem Kult hinzugeben. Bereits die Kameraführung kann den Zuschauer zu unanständigen Gedanken verleiten. Sponsoren nehmen Athletinnen und Athleten unter Vertrag, wenn sie in den sozialen Medien regelmässig Fotos von ihren Körpern posten und ein nackter Auftritt im Playboy ist längst nicht mehr skandalös, gehört gar zum Marketingprozess. So wird der Körper zum Objekt und das ist nicht korrekt. Letztlich möchten alle Sportlerinnen und Sportler sich hauptsächlich über ihre Leistungen identifizieren und nicht ausschliesslich über ihre Körper. Auch wenn der Körperkult im Sport teils freiwillig zelebriert wird, bedeutet das nicht, dass sportliche Leistungen zur Nebensache werden sollen. Anna Kurnikova wurde nicht etwa als Spitzentennisspielerin, sondern als «sexiest woman in sports» taxiert. Natürlich ist sie eine attraktive Frau und hat auch mit diesem Sachverhalt gespielt. Aber immerhin tauchte Anna Kurnikova in der Weltrangliste auf Platz 8 auf. Das bedeutete jahrelanges, knallhartes Tennistraining. Sie ist nicht wegen ihrer langen Beine oder ihrem schicken Zopf Profispielerin geworden.
Die Stabhochspringerin Allison Stokke wollte beispielsweise keinesfalls zum Sexobjekt reduziert werden. Die Amerikanerin klagte: «Sie haben mir meinen Körper gestohlen». Das sagte sie nachdem ein Bild von ihr während einer Sprungvorbereitung auf einer Fanseite veröffentlicht worden ist. Mit diesem Bild ist sie zwar ungewollt zum Internetstar aufgestiegen, was ihr aber vorwiegend widerliche Kommentare einbrachte. Ihr könnt euch denken, um was es gegangen ist. Die junge Frau fühlte sich bedroht von all den anzüglichen Bemerkungen. Ein enganliegendes Tenue ist keine Einladung, seinen Gedanken öffentlich freien Lauf zu lassen. In dem Sinn hat Sarah Voss ein tiefgreifend sensibles und hochaktuelles Thema aufgegriffen und zum Handeln angeregt.