Lauernd und plötzlich mit tödlichem Geschoss vor dem Tor, göttlich am Ball, schnell und hochfrequent am Gegner vorbei: Diego Armando Maradona! Wir verneigen uns vor so viel Talent. Liebe Fussballfans, kein Fussballer oder möglicherweise gar kein Sportler polarisiert derart massiv wie der flinke Argentinier. 60 Jahre alt ist er geworden und hat mehr als sieben Leben verbraucht. So hat der Sensenmann jedenfalls mehrmals bei dem körperlich verkommenen, von Drogen gezeichneten Maradona angeklopft. Eines ist klar, weder Antidoping noch irgendeine Ethikkommission würde den Rebellen als Aushängeschild buchen. Nichts desto trotz ist und bleibt er ein Vorbild für viele Menschen auf der ganzen Welt. Die einen lieben ihn, andere verachten ihn. Nichts desto trotz bleibt er mindestens für mich ein Held. Eben gerade weil er sich nicht in das klassische, von der Gesellschaft geforderte Stereotyp einfügen lässt.

Er zeigt eine menschliche und fehlbare Seite. Zugegebenermassen mit etwas viel krimineller Energie.

Die Ikonisierung von Sporthelden, meist sind diese noch männlich geprägt, kann auch gefährlich enden. Sportler werden zu Göttern und Übermenschen gehievt, obschon viele mit diesen Prädikaten nicht umgehen können und auch kein geeignetes, soziales Umfeld haben, um mit diesem plötzlichen Aufstieg umzugehen. Verstehen sie mich nicht falsch, ich bin von Roger Federer genauso fasziniert wie von Diego Armando Maradona. Verbinden tut sie beide wohl nur das sportliche Talent und die Liebe zum Spiel. Maradona hat nebst Drogenmissbrauchs, Sexeskapaden oder Steuerhinterziehung auch diverse andere Kavaliersdelikte begangen. Der hochsensible und angreifbare Mann lebte immer scharf an der Kante des Abgrundes - zwischen Himmel und Hölle. Die «Hand Gottes» und der anschliessende Sololauf mit resultierendem Tor haben den Fussballer unsterblich gemacht. Das Tor des Jahrhunderts nimmt ihm keiner mehr weg; das ergaunerte Handtor ist längst verziehen. Gefeierter Held in den Augen der Linken, als einer, der gegen das vernichtende, westlich kapitalistische System aufbegehrt und gehasster Rebell auf der politisch rechten Seite. So polarisierte der kleine, feurige Spieler zwischen den politischen Fronten aber vorwiegend auch in der Fussball- und Sportwelt. Der sportliche Geniestreich zu zwei Meistertiteln und dem Gewinn des UEFA-Pokals, welcher Maradona im Provinzclub SSC Napoli fast im Alleingang erspielte, liess ihn zumindest bei den Süditalienern zur heiligen Ikone aufsteigen. Umso grösser war der (Zer-) Fall. Längst war Maradona bei der Pokalübergabe schwerst drogenabhängig und mit der Mafia verbandelt. Der geniale Ballheilige war in seinem Leben dem Wahnsinn verfallen. Er ist nicht der einzige Sportler, der mit dem schnellen Aufstieg und der plötzlichen Liebe und Wertschätzung der Menschen nicht umgehen konnte. Zu gross die Verführung des sündigen Lebens. Und leider liess er sich auf viele Vaganten der Gesellschaft ein. Da war die Mafia möglicherweise noch ein kleines Kaliber. Nach seinem Abgang in Italien und seiner Dopingüberführung liessen ihn seine einstigen Anhänger komplett fallen. «Von ihnen kaputt gemacht und betrogen», mit diesem Gefühl kehrte der Argentinier zu seinen Wurzeln zurück. Sein Personal-Trainer manifestierte: «Sie nahmen ihm sein Leben». Man könnte jetzt durchaus argumentieren, dass ein erwachsener Mann selber für seinen Lebensstil verantwortlich ist und auch die Konsequenzen daraus ziehen muss. Nur bleibt eben der schale Nachgeschmacks des Hofverrates haften. Alle wussten von Diegos Drogenproblemen und alle haben weggeschaut. Keiner hat geholfen. Und plötzlich steht er verdammt alleine da. Wo bleiben all die treuen Freunde? Schliesslich hat er einer kleinen Provinz zu viel Selbstvertrauen verholfen. Er hat den Fussball geprägt und jeder und jede wollten Diego kennen. Ist das der Dank an eine Ikone - eine gemachte Ikone der Gesellschaft? Der 60-jährige Maradona hat wohl Dank seinen Töchtern immer wieder ins Leben zurückgefunden. Seine Tochter Giannina hat ihn auch gepflegt. Ich habe mir duzende Videos angeschaut und ja, er ist ein Genie, wenn auch ein räuberisches. Ein Antiheld der Dramaturgie. Einmal mehr zeigt der Sport, dass er lediglich der Spiegel der Gesellschaft ist. Ich schliesse mit einem Zitat von Diego Armando Maradona, das mich sehr nachdenklich stimmt:

«Als ich nach Neapel gekommen bin, haben mich 85'000 Menschen begrüsst. Als ich ging, war ich alleine».
Hasta siempre, Diego!