Sind sie Eltern von einem Sporttalent und müssen sich in Kürze entscheiden, welches schulische Angebot ihrem Kind den Weg zum Spitzensport ermöglicht? Wahrlich nicht immer einfach. Auch weil sie bestimmt wissen, dass die Wahrscheinlichkeit mit Sport das Leben zu bestreiten, praktisch ausgeschlossen ist und nur die allerwenigsten den herausfordernden «way to excellence» begehen. Sport ist Lebensschule - egal wie weit letztlich die Leistung reicht. Der Umgang mit dem Ausdruck «gescheiterter Spitzensportler» ist nicht angebracht. Schön ist, dass heute jemand im Beruf steht und auf sehr hohem Niveau während seiner Schulzeit und Ausbildung Sport treiben durfte und konnte. Nur ein paar wenige Talente bringen es zum Spitzensport und tragen zusätzlich einen flotten Bildungsrucksack am Rücken. Der Weg war nämlich das Ziel und umso wichtiger ist in unserer Gesellschaft ein solider Bildungsweg, der keine Türen verschliesst.

Sport und Bildung schliessen sich nicht aus, auch nicht im Leistungssport.

Das sportliche Talent besucht in der Regel eine Schule, die speziell von Swiss Olympic und den Kantonen mit einem Gütesiegel versehen ist. Die hohen Trainingsbelastungen und Wettkampfplanungen lassen einen klassisch geregelten Unterricht nicht immer und nicht bei allen Sportarten zu. Durch spezifische Bildungsangebote jedoch, ist ein dualer Weg möglich. Gerade Biel nahm im Kanton Bern eine Vorreiterrolle ein und hat auf allen Bildungsstufen Angebote für talentierte KünstlerInnen und SportlerInnen geschaffen. Selbstverständlich gibt es aber auch Sporttalente, die eine Normklasse besuchen. Vorwiegend in jüngeren Jahren, respektive in der Volksschule ist das oft machbar und sehr sinnvoll. Spätestens bei der Berufslehre oder weiterführenden Mittelschulen geht «normal» kaum mehr und so sind wir auf flexiblere Systeme angewiesen. Selbstverständlich unterstütze ich all diese hervorragenden und zielgerichteten Sport- und Bildungsangebote, die heute in vielen Kantonen eingeführt worden sind. Öffentliche, halbprivate aber auch private Institutionen ermöglichen den jungen Talentierten, ihren Weg in Angriff zu nehmen. Sehr oft können Athletinnen und Athleten Randstunden aus ihrem Fächerkanon streichen und sich bereits zum Training verschieben. Manchmal wird ganz salopp der Sportunterricht gestrichen, da sich die jungen Talente ja sowieso schon genug bewegen. Mit dieser Theorie aber stecke ich in einem grösseren Dilemma.
Mit der Dispensation des Sportunterrichtes bringen wir unsere angehenden «Sportlerinnen und Sportler» um Bewegungsvielfalt und auch um das Zusammensein in einem anderen Rahmen; mit ihren Schulfreunden. Viele unter ihnen sind in ihrem spezifischen Bereich, wie beispielsweise dem Skifahren, der Leichtathletik oder dem Eishockey besonders stark ausgebildet - nicht aber in den zahlreichen anderen Facetten des Sportes: Neben der sportlichen Handlungskompetenz vermittelt der Sportunterricht eben auch die motorischen, kognitiven und sozial-affektiven Fähigkeiten und Fertigkeiten. Zudem werden das koordinative Niveau oder auch das Spielverständnis gefördert. Es geht nicht nur um Bewegung im konditionellen Sinne, sondern um sehr viel mehr. Die Sportförderung weist mit Vehemenz auf eine umfassende körperliche Ausbildung hin und auch aus der Neurologie weiss man längst, dass neuartige und vielseitige Bewegungsmuster eine positive Wirkung auf die Kernsportart haben. Umso mehr müssten Sportlerinnen und Sportler die Chance des obligatorischen Sportunterrichtes nutzen.

Wertvoll sind Interaktionen mit den Kameradinnen und Kameraden und die Förderung der Integration und Sozialkompetenz.

Im Schulsport wird gelacht, gelernt und geleistet. Ich denke, dass genau abgeschätzt werden muss, ob Sport, Musik oder auch Gestalten weggestrichen werden oder ob nicht auch einmal Mathematik oder eine Sprache dispensiert wird. Mir ist klar, dass gerade die musischen und sportlichen Fächer oft am Rand der Lektionentafel stehen und auch deswegen eher weggestrichen werden und das darf und kann auch Sinn machen. Ein in Biel bekannter Eishockeyspieler hat nicht im Traum daran gedacht, während seiner Ausbildungszeit in Bern den Sportunterricht zu schwänzen. Er hätte natürlich einen Dispens für den Berufsschulsport im Sack gehabt. Kevin Fey liess es sich nicht nehmen, mit seinen Mitschülern ganz normal den Sportunterricht zu besuchen. Sein damaliger Sportlehrer hat erzählt, dass Fey immer voll motiviert bei allem mitgemacht habe und mit einem enormen Eifer auch Schwächere mitgezogen hat. Die Stimmung in der Turnhalle sei fröhlich und unbeschwert gewesen und genau so war auch ein erfolgreiches Lernklima hergestellt. Eine Leaderperson, die vielleicht auch ein kleines Bisschen vom Berufsschulsport mitgenommen hat und sein Können und seine Kompetenzen sowohl im Spitzensport als auch im Leben und Alltag zum Vorschein bringt. Ein Talent kann im Sportunterricht eine Leaderrolle übernehmen und viel Energie in den Unterricht mitbringen, was wiederum motivierend für alle anderen ist. Die Argumentation, dass Athletinnen und Athleten «Sport» einfach generell können ist falsch. Denn jedes Talent profitiert von der Vielfalt eines facettenreichen Sportunterrichts.